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Wer arm im Alter ist, ist es nicht aus Schicksal
Wer arm im Alter ist, ist es nicht aus Schicksal
Das deutsche Rentensystem ist keine Naturkatastrophe – es ist eine Verteilungsentscheidung
Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Sein Rentensystem gehört zu den schwächsten in der westlichen Welt. Das ist kein Widerspruch – es ist der Befund.
Wer behauptet, die niedrigen Renten seien eine unausweichliche Folge der Demografie, des Geburtenrückgangs oder der Globalisierung, verschleiert eine einfache Wahrheit: In demselben System, das einer Frau nach einem langen Arbeitsleben durchschnittlich 955 Euro im Monat zahlt (Deutsche Rentenversicherung, 2025), bezieht ein Beamter im Ruhestand durchschnittlich 3.416 Euro brutto (Statistisches Bundesamt, Januar 2025). Beide leben in Deutschland. Beide werden aus öffentlichen Mitteln finanziert. Nur die Regeln sind unterschiedlich – und diese Regeln sind keine Naturgesetze. Sie sind politische Entscheidungen.
Was das System wirklich leistet – und für wen
Der sogenannte Eckrentner – 45 Jahre durchgehend zum Durchschnittslohn versichert, keine Lücken, keine Teilzeit, keine Pflegezeiten – erhält heute 1.835 Euro brutto, netto nach Kranken- und Pflegeversicherung rund 1.624 Euro. Das ist das Beste, was eine vollständige Normalbiografie im deutschen System hervorbringt.
Der tatsächliche Durchschnitt liegt weit darunter: 1.405 Euro für Männer, 955 Euro für Frauen. Dieser Abstand erklärt sich nicht primär durch gebrochene Biografien, sondern durch Jahrzehnte struktureller Lohnungleichheit und Teilzeitarbeit, die das System eins zu eins in Rentenarmut übersetzt.
Wer in NRW in den großen Industriejahren – Bergbau, Stahl, Chemie, Fertigung – Vollzeit und regulär gearbeitet hat, erreicht heute noch vergleichsweise gute Werte im deutschen Rahmen. Vielleicht 1.800, in guten Fällen mit überdurchschnittlichem Verdienst über mehrere Jahrzehnte auch mehr. Diese Generation ist die Kontrollgruppe – und sie beweist, dass selbst das Beste was das System hervorbringt in Österreich als untere Mittelklasse gilt. Dort liegt die Durchschnittspension bei 1.800 bis 2.000 Euro, die Nettoersatzquote über 85 Prozent.
Das deutsche Rentenniveau liegt bei 48 Prozent des letzten Einkommens. Das österreichische bei 80 Prozent. Beide Länder haben 1955 mit nahezu identischen Systemen begonnen.
Österreich als Spiegel
Das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz, das Österreich 1955 einführte, war der deutsche Ausgangspunkt für beide Länder. Beide Systeme kannten die großen Jahrgänge, beide hatten alternde Gesellschaften, beide standen unter demografischem Druck.
Der Unterschied liegt in einer einzigen politischen Grundentscheidung, die Österreich getroffen und Deutschland nicht getroffen hat: Österreich hat das Ziel der Lebensstandardsicherung verteidigt. Nie hat eine österreichische Regierung das Rentenniveau als Verhandlungsmasse behandelt. Man hat reformiert – die Durchrechnungszeiträume wurden verlängert, das Antrittsalter angehoben – aber das Ziel blieb: Wer ein Arbeitsleben geleistet hat, soll seinen Lebensstandard halten können.
Deutschland hat stattdessen eine andere Priorität gesetzt: den Beitragssatz stabil halten. Für diese Stabilität wurde das Rentenniveau geopfert – schrittweise, durch Nachhaltigkeitsfaktor, Riester-Faktor, Rentenformelkorrekturen, die in der öffentlichen Debatte kaum je als das benannt wurden was sie waren: Leistungskürzungen für alle, die keine Beamten sind.
Das Ergebnis ist ein System, das reich genug ist für großzügige Beamtenpensionen, aber zu arm für eine würdige Grundversorgung der Mehrheit.
Zwei Systeme, ein Land, eine Rechnung
Der eigentliche Skandal des deutschen Rentensystems ist seine Zersplitterung. Es gibt nicht ein System – es gibt drei: die gesetzliche Rentenversicherung für Arbeitnehmer und Selbständige, die Beamtenpensionen, die vollständig aus Steuern finanziert werden, und die berufsständischen Versorgungswerke für Ärzte, Anwälte, Architekten.
Jedes System hat eigene Regeln, eigene Finanzierungsströme, eigene politische Schutzreflexe. Und jedes System bedient eine andere Klientel mit anderen Ergebnissen.
Die Beamtenpension lag laut Statistischem Bundesamt (Destatis, Dezember 2025) im Januar 2025 bei durchschnittlich 3.416 Euro brutto – ein Anstieg von 5,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Gesamtausgaben für Beamtenpensionen beliefen sich 2024 auf 56,9 Milliarden Euro, zuzüglich neun Milliarden für Hinterbliebenenversorgung (Destatis) – ohne Kapitaldeckung, ohne Beitragsfinanzierung durch die Pensionäre selbst. Das ist Geld das aus dem allgemeinen Haushalt kommt – also auch von denjenigen, die später 955 Euro Rente bekommen werden.
Den einen geht es so gut, weil es den anderen so schlecht geht. Das ist keine Polemik. Das ist Haushaltsmathematik.
In den Niederlanden, in Österreich, in der Schweiz gibt es keine parallelen Luxussysteme. Alle zahlen in dasselbe System ein, alle erhalten nach denselben Regeln. Das macht diese Systeme nicht nur gerechter, sondern auch effizienter – weil kein Geld in Parallelstrukturen und Doppelbürokratien versickert.
Die kommende Katastrophe
Die NRW-Jahrgänge die heute in Rente gehen, sind noch die Glücklichen. Sie haben in einer Zeit gearbeitet, in der Vollzeit die Norm war, Tarifverträge flächendeckend galten, Industriearbeit sicher und langfristig war. Ihre Renten sind im deutschen Rahmen vergleichsweise gut – und reichen trotzdem oft nicht.
Was kommt, ist schlechter. Die Jahrgänge die ab 2003 von Hartz II und Hartz IV erfasst wurden, die Soloselbständigen der Plattformökonomie, die Teilzeitkräfte im Dienstleistungssektor, die Pflegenden die Jahre aus dem Erwerbsleben herausgenommen haben, die Leiharbeiter, die Befristeten – all diese Menschen sammeln Rentenpunkte auf einem Niveau, das selbst die bescheidenen heutigen Durchschnittswerte nicht mehr erreichen wird.
Deutschland hat diese Entwicklung nicht verhindert. Es hat sie aktiv produziert: durch die Liberalisierung des Niedriglohnsektors, die Ausweitung von Minijobs, die Nichtregulierung von Plattformarbeit, die systematische Unterschätzung von Pflegearbeit im Rentenrecht. Jede dieser Entscheidungen hat Rentenpunkte vernichtet – bei Menschen die heute vierzig oder fünfzig Jahre alt sind und deren Altersarmut bereits feststeht.
Was das System stattdessen tun könnte
Österreich zeigt, dass es anders geht – und zwar nicht durch höhere Gesamtausgaben, sondern durch andere Verteilung. Der österreichische Beitragssatz liegt bei 22,8 Prozent, der deutsche bei 18,6 Prozent. Österreich gibt mehr aus – aber es gibt es an alle aus, nach denselben Regeln, mit demselben Ziel.
Ein deutsches System das ernsthaft Lebensstandardsicherung als Ziel setzt, würde drei Dinge erfordern: die schrittweise Integration der Beamten in die gesetzliche Rentenversicherung, eine echte Grundrente die unabhängig von der Erwerbsbiografie eine Mindestabsicherung garantiert, und eine Aufwertung von Pflege- und Erziehungszeiten die über symbolische Gesten hinausgeht.
Keines dieser drei Elemente ist technisch schwierig. Alle drei sind politisch blockiert – weil diejenigen die von den bestehenden Strukturen profitieren, in den Parlamenten, in den Ministerien und in den gut organisierten Berufsverbänden erheblich mehr Einfluss haben als diejenigen die 955 Euro Rente bekommen.
Das ist eine Frage der Verteilung
Deutschland ist nicht zu arm für bessere Renten. Es gibt genug. Die Frage ist nur, wer es bekommt.
Solange Beamtenpensionen aus dem allgemeinen Haushalt finanziert werden während Arbeitnehmer auf 48 Prozent Rentenniveau gesetzt werden, ist die Antwort auf diese Frage eindeutig: Das System verteilt von unten nach oben – und nennt das Sachzwang.
Ein Land das gleichzeitig 3.240 Euro Durchschnittspension für eine Berufsgruppe zahlt und 48 Prozent Rentenniveau als unvermeidlich darstellt, hat keine Legitimation, weitere Absenkungen zu fordern. Es hat eine Legitimationskrise.
NRW weiß das. Die Ruhrgebietsgeneration die jetzt in Rente geht, weiß es. Und die Generation die nach ihr kommt, wird es am eigenen Leib erfahren. Kölnerinnen und Kölner die bereits in ihrer Erwerbszeit unter den Mieten leiden, dieses Mißverhältnis Einkommen / Miete ist in Köln auffällig, werden alle in Rente ein großes Problem haben, diese Gruppe verfügt in der Regel nicht über Eigentum oder weitere Rücklagen, alles wurde von den explodierenden Kosten gefressen.
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Jochen Geis
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Quellen
- **Statistisches Bundesamt (Destatis)**, Pressemitteilung Dezember 2025: Durchschnittliches Ruhegehalt der Beamtenpensionäre Januar 2025: 3.416 Euro brutto; Gesamtausgaben Beamtenpensionen 2024: 56,9 Mrd. Euro. [destatis.de]
- **Deutsche Rentenversicherung**, Rentenbestand 2025: Durchschnittliche Altersrente Männer 1.405 Euro, Frauen 955 Euro; Eckrentner (45 Entgeltpunkte) 1.835,55 Euro brutto (Stand Juli 2025). [deutsche-rentenversicherung.de]
- **VZ VermögensZentrum**, Analyse Höchstrente Deutschland 2025: Maximale Rente bei 45 Jahren Beitragsbemessungsgrenze ca. 3.572 Euro brutto; realer Durchschnitt deutlich darunter. [vermoegenszentrum.de]
- **OECD Pensions at a Glance 2023**: Rentenniveau Deutschland 48 Prozent (Bruttoersatzquote), Österreich 74,1 Prozent brutto / über 85 Prozent netto.
- **Bundesministerium des Innern (BMI)**, Achter Versorgungsbericht der Bundesregierung, Juli 2025: Entwicklung der Versorgungsausgaben Bund bis 2060. [bmi.bund.de]
- **ASVG Österreich 1955/56** sowie **Allgemeines Pensionsgesetz (APG) 2005**: Formel 80/45/65 – 80 Prozent Bruttoersatzquote bei 45 Versicherungsjahren und Pensionsantritt mit 65.
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