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Kundgebung Reichpietsch und Köbis

Bild: "Freier uneingeschränkter Zugang zur Gedenkstätte Max Reichpietsch und Albin Köbis" wird hier gefordert, Foto Jochen Geis
Mehr als 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden am heutigen Dienstag 14 Uhr in Wahn in der Max Reichpietsch Strasse zusammen um an die Hinrichtung der revolutionären Matrosen in Wahnheide zu gedenken. Der für Interessenten ungünstige Termin in der Woche  ist dem Jahrestag geschuldet, die Uhrzeit dem vorherigen Termin am Soldatenfriedhof auf dem Kasernengelände. Die Bundeswehr kontrolliert den Zugang zum Gedenkstein, der vom RFB in der Weimarer Zeit errichtet wurde, offensichtlich sollte verhindert werden, dass sich in der Bundesrepublik wie in der Weimarer Republik für die politische Linke ein fester Bezugspunkt ähnlich einem christlichen Wallfahrtsort entwickelt. Noch vor 25 Jahren gab es größere Demonstrationenzüge zum Gedenken, vorwiegend junger Leute aus der Antifa, die allerdings nicht zum Gedenkstein vorgelasen wurden.
Vor genau 100 Jahren, am 5. September 1917, wurde der Militär-Übungsplatz in Köln-Wahnheide Schauplatz eines staatlichen Verbrechens, zweier umstrittener Hinrichtungen. Hier, weit weg von der Küste, wurden die wenige Tage zuvor verhängten Todesurteile gegen zwei junge Matrosen der Kaiserlichen Marine vollstreckt.
 
 
Albin Köbis und Max Reichpietsch waren Teil der revolutionären Matrosenbewegung, die sich gegen die ungleiche Versorgung von Offizieren und Matrosen sowie andere Missstände in der kaiserlichen Marine zur Wehr setzten. Zugleich wollten sie mit ihrem Aufstand ein Zeichen für den Frieden und die radikale Opposition gegen die damalige Ordnung im Kaiserreich setzen.
Die Teilnehmer erklärten, dass eine Namenserklärung an den beiden Straßenschilder, die nach den revolutionären Matrosen benannt wurden, angebracht wird, zudem sei der Namen von Max Köbis auf dem Grab (Soldatenfriedhof Kaserne Wahnheide) falsch geschrieben, man werde sich dafür einsetzen, dass dies korrigiert wird.
Die Reden zur Kundgebung in Wahn werden unter der Homepage des Friedensbildungswerkes Köln veröffentlicht
Gefunden, Dokumentation
Die bundesweite linke Tageszeitung "junge welt" schrieb:
"1928 ließ der Rotfrontkämpferbund ein Denkmal für Reichpietsch und Köbis anfertigen, das auf dem Friedhof in Köln-Wahn steht. Bis zu seinem Verbot 1929 führte der Bund dort ein jährliches Gedenken durch. Diesem Beispiel folgte nach dem Zweiten Weltkrieg die KPD, bis sie ihrerseits 1956 verboten wurde.
Die Gedenkveranstaltung am Dienstag konnte allerdings nur unter rigiden Auflagen stattfinden. So musste der Autor dieser Zeilen draußen bleiben. Der Oberkommandierende Stabsfeldwebel erklärte, zwecks Sicherheitsüberprüfung sei eine Anmeldung fünf Tage im voraus nötig gewesen. Er hatte dem Veranstalter Roland Schüler, Geschäftsführer des Kölner Friedensbildungswerks, außerdem auferlegt, es dürften wegen des laufenden Wahlkampfs keine Politiker sprechen.
Am frühen Nachmittag versammelten sich 50 Personen an der Kreuzung zweier Straßen in Köln-Porz, die nach den Verstorbenen benannt sind. Vertreter der Linkspartei, der Falken, der VVN–BdA und des Kölner Friedensforums erhoben die Forderung nach freiem und unbeschränktem Zugang zum Friedhof der Stadt Köln auf dem Militärgelände in Wahn. Der ehemalige Kölner DGB-Vorsitzende Wolfgang Uellenberg-van Dawen forderte Verteidigungsministerin von der Leyen auf, Köbis und Reichpietsch zu Vorbildern der Bundeswehr zu erklären – gemäß dem Motto der Falken: »Die Waffen nieder!« Günter Baumann (VVN-BdA) forderte eine offizielle Aufhebung der Todesurteile. Roland Schüler mahnte erklärende Ergänzungen an den Straßenschildern an, während der evangelische Pfarrer Hans Mörtter sich an den Gedenkplaketten stieß, weil auf ihnen nicht die Vornamen der beiden Männer vermerkt sind – und weil der Nachname von Köbis falsch geschrieben ist."
Weitere Dokumente:
„Ich sterbe mit einem Fluch auf den deutschen Militärstaat!“
Rede der VVN-BdA Köln, die von Günter Baumann am 5.9.2017 in Köln-Wahn gehalten wurde
Wortlaut der Rede von Günter Baumann:
Sehr geehrte Anwesende!
Mein Name ist Günter Baumann. Ich bin Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten in Köln. Vielen Dank, daß das Friedensbildungswerk Köln diese Gedenkkundgebung organisiert hat.
Im Jahr 1917 wehrten sich Matrosen auf den Kriegsschiffen in gemeinsamen Aktionen gegen die massive Unterdrückung durch die Seeoffiziere. Sie wurden wie Sklaven schikaniert.  Sie führten Streiks durch gegen die Hungerrationen und das oft völlig verdorbene Essen, bei gleichzeitigem Festschmaus für die Offiziere. Ihre gewählten Vertreter schickten sie in Verpflegungskommissionen, die dadurch bald zu allgemeinen Beschwerdestellen wurden.
Die Soldaten debattierten: Wofür ist dieser Krieg gut? In welchem Interesse ist er? Sie erkannten: dieser Krieg war kein Verteidigungskrieg, wie die Reichsleitung, und auch die SPD, seit 1914 behauptet hatten.
Viele kamen zu dem Urteil: Baldiger Frieden, ohne Annexionen und Kontributionen, auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechts der Völker!
Diese Forderung hatte der Rat von Petrograd, nach dem Sturz des Zaren, aufgestellt. Die Parteien MehrheitsSPD und die Unabhängige SPD, USPD, im April 1917 gegründet, übernahmen diesen Ruf. Aber nur die USPD lehnte weitere Kriegskredite ab.
Die Matrosen entwickelten ihre Ansichten selbstständig und waren nicht parteipolitisch gebunden. Um ihren eigenen Ruf nach baldigem Kriegsende zu stärken, wollten sie der Unabhängigen SPD größeres Gewicht geben bei der Mitte 1917  geplanten  internationalen Konferenz von Sozialdemokraten in Stockholm. Mehr als 4000 Marinesoldaten unterschrieben aus diesem Grund einen Antrag auf Mitgliedschaft bei der USPD.
Diese teilweise Abwendung der Arbeiterbewegung und der Marinesoldaten von den bisherigen expansiven Kriegszielen wollten die Machthabenden beenden.
Nach einem Protestausflug von 600 Marinesoldaten am 2. August 1917 in Wilhelmshaven, gegen die willkürliche Streichung von Freizeit und stattdessen Ansetzen  von Drillübungen und  gegen die dann folgenden Bestrafungen wurden in Wilhelmshaven  fünf Soldaten rechtswidrig zum Tode verurteilt. Wegen angeblicher „vollendeter kriegsverräterischer Aufstandserregung“, was der Ausflug nicht war. Auch nach Ansicht der damaligen Marinejuristen nicht, die das Urteil vor Inkrafttreten überprüfen mußten.
Max Reichpietsch und Albin Köbis wurden am 5. September 1917 hier in Köln-Wahn auf der Grundlage eines Unrechtsurteils erschossen.
Die Marineleitung hatte nicht gewagt, sie in Wilhelmshaven erschießen zu lassen. Admiral Scheer, der später zwei Todesurteile bestätigte, schrieb vor dem Gerichtsverfahren einen Brief an den  Preußischen Kriegsminister. Er hätte Angst, daß die Wilhelmshavener Arbeiter gegen die  angestrebten Todesurteile und gegen die Hinrichtungen aufbegehrten, die dortigen Marinewerkstätten stilllegten und den U-Boot-Krieg gefährdeten. Deswegen habe er die  Erschießung, also schon Wochen vor dem Urteil, angeordnet im weit entfernten Porz-Wahn. Der Admiral bat um Zustimmung. Der Kriegsminister stimmte zu.
Seit Ende 1916, Anfang 1917 hatten die Belegschaften in verschiedenen Rüstungsbetrieben selbstständige Streiks durchgeführt, gegen den Willen des Gewerkschaftsvorstandes.
Ihre Forderung: Brot, Frieden, Freiheit!
In Magdeburg hatten im Februar 1917 die Arbeiter im Rüstungsbetrieb von Krupp eine Woche gestreikt. Als sie die Nachricht über die  Erschießung von Max Reichpietsch und Albin Köbis erfuhren, sagten sie: „Das waren unsere Leute!“
Hans Beckers, dessen Todesstrafe in eine Haftstrafe umgewandelt worden war, schrieb in seinem Buch von 1928 „Wie ich zum Tode verurteilt wurde“: „In unserer Hand lag es, dem Völkermorden Einhalt zu gebieten und der bedrängten Menschheit den langersehnten Frieden zu geben. So glaubten wir. – Und doch waren wir nur ein winziges Teilchen, ein schwacher Hauch jener großen Kraft, die schließlich die blutige Flamme des Krieges erstickte.“
Die letzten Briefe von Albin Köbis und Max Reichpietsch
Wir möchten die letzten Briefe von Albin Köbis und Max Reichpietsch vorlesen. In der Fassung, wie sie in dem Buch von Christoph Regulski abgedruckt sind: “Lieber für die Ideale erschossen werden, als für die sogenannte Ehre fallen.“ Marixverlag, 2014, S. 228 und S.230f.)
In dem Brief von Albin Köbis sind die Terminangaben um 7 Tage vordatiert:
„Liebe Eltern!
Ich bin heute, den 11.9.1917 zum Tode verurteilt worden, nur ich und noch ein Kamerad, die andern sind zu 15 Jahren Zuchthaus begnadigt worden. Warum es mir so ergeht, werdet Ihr ja gehört haben. Ich bin ein Opfer der Friedenssehnsucht, es folgen noch mehrere. Ich kann der Sache nicht mehr Einhalt gebieten; es ist jetzt 6 Uhr morgens, um 6.30 Uhr werde ich nach Köln gebracht. Mittwoch den 12.9. 4 Uhr morgens falle ich, ein Opfer der Militärjustiz. Ich hätte Euch gern noch einmal die Hand zum Abschied gedrückt, aber ich werde stillschweigend erledigt. Tröstet Paula und meinen kleinen Fritz. Ich sterbe zwar nicht  gern so jung, aber ich sterbe mit einem Fluch auf den deutschen Militärstaat. Das sind meine letzten Zeilen. Vielleicht bekommst Du und Mutter diese einmal zugesandt.
Auf immer Euer Sohn.
Lieber Kamerad! Wenn du solltest bald die Freiheit bekommen, sende dieses an Herrn Karl Köbis Berlin-Reinickendorf Chausseestraße 16“
Der Brief von Max Reichpietsch, geschrieben am 30.8.1917: Max Reichpietsch war Mitglied der Neuapostolischen Kirche. Die Marineleitung schickte seinen Brief an die Familie nicht weiter, sondern übersandte ihn erst Wochen nach der Hinrichtung. Sie verhinderte damit die Stellung eines Gnadengesuchs, um das Reichpietsch seine Familie in dem Brief bat.
„Geliebte Eltern!
Ich hätte Euch schon lange geschrieben, was mit mir los ist, aber ich wollte erst mein Urteil abwarten. Nun ist dieser Tag gewesen, und er ist noch schlimmer ausgefallen, als ich gedacht habe. Es ist ein Todesurteil geworden. Ob es vollstreckt wird, oder ob es durch die Gnade des Kaisers verhindert wird, liegt in Gottes Hand. Ich habe keine Hoffnung mehr und habe mit dem Leben abgeschlossen. Das hatte wohl keiner gedacht, als wir im Juni Abschied nahmen, daß es das letztemal sein sollte. Nun bitte ich Euch, liebe Eltern, verzeiht mir diese letzten Vergehen, damit ich ruhig in die andere Welt hinübergehen kann, wo wir uns alle einmal wiedersehen. Auch danke ich Euch für all das Gute, was Ihr an mir getan habt … Teilt mir bitte die Adresse und den Namen des Vorstehers oder Apostels der Gemeinde von hier mit … Und wenn Ihr noch mehr und Näheres über mein Vergehen wissen wollt, so schreibt an den, der Euch auf meinen Auftrag hin zum erstenmal geschrieben hat. Nun entschuldigt, daß ich nicht mehr schreibe; aber mir ist das Herz so schwer, daß es mir unmöglich ist, noch weiter zu schreiben. Denn es ist traurig, als junger Mensch in der Blüte der Jahre, mit einem Herzen voll Hoffen und Sehnen, schon sterben zu müssen, sterben durch harten Richterspruch. Grüßt Willy und Gertrud, und Euch selbst umarmt und küßt zum letzten Male
Euer Sohn Max
Alles, was Ihr für mich machen könnt, ist, wenn Ihr durch einen Rechtsanwalt oder durch den Stammapostel ein Gnadengesuch an den Kaiser macht, in dessen Hand augenblicklich mein Leben ruht, und dessen Hand auch hier mildtätig wirken wird.
M.“
Die Bundeswehr muß nicht länger in einer unwahren Tradition verharren! Sie sollte anerkennen, daß die Hinrichtung von Max Reichpietsch und Albin Köbis ein politischer Justizmord war. Vollzogen in Köln-Wahn. Es ist richtig und begründet, die Aufhebung der Todesurteile zu fordern.
Die Bundeswehr sollte nicht länger den Zugang zu der Gedenkstätte einschränken.
Eine Lösung muß gefunden werden für einen freien unbeschränkten Zugang zu der Gedächtnisstätte der Matrosen Max Reichpietsch und Albin Köbis. Sie steht auf einem städtischen Grundstück, dem öffentlichen Friedhof der Stadt Köln!
Reichpietsch und Köbis mahnen uns, gerade in der jetzigen Zeit, aufzutreten  – gegen die geplante Ausweitung der deutschen Militär- und  Kriegspolitik.
 

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